W123-Club Stuttgart
die Automobilstadt Deutschlands
22./23. März 2013

Stuttgart - die Automobilstadt Deutschlands
22./23. März 2013 - ein Reisebericht


für unseren Ausflug per Bus gab es drei Gründe:

  1. im März ist es noch salzig,
  2. eine sehr gelungene Automatik-Getriebeüberholung meines 350 SE in der PKW-Instandsetzung in Untertürkheim in 2012 und
  3. ein Artikel in der Motor-Klassik vom Oktober 2012 über die Automobilhauptstadt Deutschlands.
Es war naheliegend daraus ein Programm zu erstellen und dem Stammtisch Hochfranken-Westsachsen einen Frühjahrsausflug zu bescheren.

Am Morgen des Freitag ging es per Bus los nach Stuttgart (Bild 1). Dort erwarteten uns hinter dem Tor 12 in der PKW-Instandsetzung in Untertürkheim der Leiter Herr Rolke und Herr Klein als Leiter der Abteilung PWI. Dazu muß man wissen, dass die PKW-Instandsetzung einerseits als Bestandteil der Niederlassung Stuttgart Kundenfahrzeuge wartet als auch mit der Abteilung PWI für den gesamten internen Fuhrpark mit 2200 Fahrzeugen zuständig ist. Dafür stehen rd. 300 Mitarbeiter zur Verfügung. PWI baut außerdem Reifegradfahrzeuge für die Entwicklung auf und wartet zentral alle Original-Sonderschutzfahrzeuge. Die Youngtimer-Liebhaber interessiert mehr, dass die PKW-Instandsetzung auch überregional alle Fahrzeuge bis zurück zur Pagode W 113 wartet, repariert und überholt. Alles was zeitlich weiter zurück ist wird vom Classic Center betreut. Bei den Youngtimern ist die Kundschaft hauptsächlich R 107, W 124, W 126, W 460 und einige W 123. Man möchte diesen Service weiter ausbauen und wir erhielten als Erste einen neuen Flyer welcher für den Youngtimer-Service wirbt.

Nach dem Empfang mit Kaffee und Butterbrezen führten uns Herr Klein und Herr Rolke in die Werkstatt. Werkstatt ist angesichts der großen Hallen ein etwas untertriebener Ausdruck. Wir sahen zunächst die Wartung der Sonderschutzfahrzeuge. Ich kannte Sonderschutz beim W 116 was zu erheblichen Komforteinbußen führte (keine Fenster zu öffnen, wenig Fußraum weniger Kopffreiheit). Beim aktuellen W 221 ist das viel komfortabler, allerdings lässt alleine die Trägheit der Türen beim öffnen und Schließen das Gewicht fühlen. Eine Türe als Demonstrationsobjekt war mit einer 44er Magnum beschossen worden. Für den Insassen hätte dies nicht einen Kratzer oder Glassplitter bedeutet.

In der nächsten Halle kamen wir zur Wartung von Serienkundenfahrzeugen, darunter ein W 116 450 SEL 6,9. Dieser erhielt soeben seinen M100 wieder zurück nach überholung. Das Fahrzeug hatte gerade mal 80.000 km gelaufen und der Motor war durch Standschäden unbrauchbar geworden. Wert der überholung ca 14.000 EUR. Nicht weit weg davon ein W126 560 SEC aus der Schweiz nach einer Neulackierung in tadelloser Qualität.

Die PKW-Instandsetzung verfügt über 3 Lackierstrassen. Die Hallenstellplätze habe ich nicht gezählt. Aber Herr Klein berichtete, dass die Werkstatt in der Lage sei über Wochenende bis zu 500 Reifegradfahrzeige mit Aggregatetausch zu versorgen und wieder auszuliefern. Wenn man die Hallen sieht glaubt man das.

Aber nicht nur die Menge ist erstaunlich sondern auch die Spezialitäten: Untertürkheim ist mit einer Cubenbox für die Karossenreparaturen am SLR ausgestattet. Alle zu reparierenden SLR-Karossen kommen nach Untertürkheim, da dort die Mitarbeiter die Kohlefaserkarossen beherrschen und das gesamte Fahrzeug nach der Reparatur bei 180° C gebacken wird. Die Cubenbox ist die einzige bei Daimler weltweit. Und wem das noch nicht exotisch genug ist: den Abschluß der Werkstattour bildete ein Besuch in der Maybachhalle in welcher exculsiv Maybach und SLR gewartet werden. Als wir dort waren stand gerade etwas weniger exclusiv ein W 140 V12 dort, der für das Classic Center durchgesehen wurde.

Dieses anspruchsvolle Fahrzeugspektrum mit den vielfältigen technischen Lösungen wird beherrscht von den Mitarbeitern. 5 Jahre dauert das Training bis der Mitarbeiter auf allen Typen zugelassen ist. Handarbeit ist überall sichtbar.

Leider durften wir keine Fotos im Werk machen. Daher müssen sich die Leser mit diesem Aufsatz begnügen.

Nach der Besichtigung PWI Untertürkheim begleitete uns Herr Rolke einige km neckaraufwärts zum Werk Brühl wo uns Herr Tietze und Herr Gonzales für die Automatik-Getriebeüberholung begrüßten (Bild 2). Zunächst durften wir in der Kantine ein reichhaltiges Mittagessen genießen (Bild 3). Danach ging es in ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude. Dieses beherbergt die Instandsetzung der Automatikgetriebe. Der Werkbereich gehört organisatorisch zum Werk Hedelfingen wo die neueren Automatikgetriebe NAG 1,2 und 3 überholt werden. Im Werk Brühl werden die Getriebe der uns eher geläufigen Youngtimer überholt als da sind: die 1. Generation 1960-1972 (K4A025, K4B050 aus W 108-W113) und die 2. Generation 1968-1983 (K4C025, W4B025 und W4B018 aus W 115 – W 123 und W 460). Handschaltgetriebe werden im Kompetenzzentrum Gaggenau überholt. Hinterachsen in Brühl und Tauschmotoren in Mannheim.

Doch zurück zu unserer Besichtigung: durch diese Halle war mein Getriebe des 350 SE gegangen! Herr Tietze und Herr Gonzales hatten extra Kollegen an die Arbeitsplätze geholt, die uns die einzelnen Arbeitsschritte erläuterten. Auch wenn hier wieder keine Fotos gezeigt werden: die Fertigung ist blitzsauber, durchorganisiert und übersichtlich. Die überholung wurde nicht irgendwo dazwischengepfercht sondern ist ein eigener Werkbereich. Es gibt keine Getriebereparatur sondern ausschließlich komplette Instandsetzung was bedeutet: Neuaufbau. Die Getriebe werden zerlegt, die Einzelteile im Ultraschallbad gereinigt, vermessen und kommen in den Neuaufbau. Dabei nimmt 1 Mitarbeiter das Getriebegehäuse und fährt mit ihm durch die Arbeitsstationen. Je nach Verschleißzustand werden Teile getauscht. Verschleißteile wie Bremsbänder werden grundsätzlich erneuert. Das Getriebe erhält dabei den innerhalb der Baureihe letzten Bauzustand. Da keine Neuteile mehr gefertigt werden funktioniert die Instandsetzung auf der Basis von Gebrauchtgetrieben + neue Verschleißteile. Das Getriebetauschen funktioniert im deutschsprachigen Raum sehr gut, außerhalb eher nicht. Um die Bestände aufzufüllen kauft Mercedes über die Händler gebrauchte Altgetriebe an.

Die Einzelarbeitsplätze haben noch die ursprünglichen Maschinen aus der Fertigungsperiode. Wir besichtigten die Montage und Prüfung von Bremsbandkolben, Bestückung der Planetenräder und andere mehr. Zum Schluß kommen die Leistungsprüfung, die Dichtigkeitsprüfung im Wasserbad mit 0,6 bar überdruck, dann Säubern und Auslieferung. Jedes Getriebe wird dokumentiert.

Die Mitarbeiter sind großenteils in der Generation 55+ und haben diese alten Getriebe noch gelernt. Das Werk betreibt zum Wissenserhalt ein Qualifizierungsprogramm für neue Mitarbeiter durch Training vor Ort.

Wer diese Fertigung und die Sorgfalt in jedem einzelnen Arbeitsschritt gesehen hat weiß um die Qualität der Instandsetzung. Diese Arbeit kann nicht billig sein bringt aber das Aggregat auf einen neuwertigen Zustand. Ich will die Arbeit freier Instandsetzer nicht abwerten aber das hier ist eine andere Liga. Um so mehr ist zu schätzen, dass Daimler diesen Kundendienst weiter betreibt. Vermutlich gibt es das bei keinem anderen OEM.

Nach 4 Stunden Fachgespräch verabschiedeten wir uns von Herrn Rolke, Herrn Tietze und Herrn Gonzales und verließen rundum beeindruckt das Werk Brühl. Wir fuhren zum Gartenhaus in Bad Cannstadt (Bild 4,5,6). Insider wissen natürlich: das ist die Geburtsstätte des kleinen schnelllaufenden 4-Takters. Benz baute bekanntlich den ersten kleinen 2-Takter, Daimler kam von der Maschinenfabrik Deutz und setzte auf 4-Takter, die „Standuhr“. Gottlieb Daimler hatte sich für 75.000 Goldmark in Bad Cannstadt ein Parkgrundstück gekauft direkt in der Nähe der Klniken, da er herzkrank war. Dort in dem kleinen Gartenhaus setzte er Wilhelm Maybach auf die Motorentwicklung an. Die Villa steht nicht mehr und in dem Gartenhaus sind Arbeitsgeräte ausgestellt. Ein Mitarbeiter erläuterte uns die Zeitumstände und die Entstehung des ersten Motors in Bad Cannstadt. Diese kam 1886 in die erste motorisierte Kutsche. Daimler zog mit der Fertigung weiter nach Bad Cannstadt Richtung Neckar. Diese brannte 1905 aus und die Firma zog weiter Richtung Untertürkheim. Das hat Daimler schon nicht mehr erlebt da er mit 66 Jahren an seinem Herzleiden starb.

Die Besichtigung setzte sich im Mercedes-Museum fort. Am Eingang stand ein Actross-Taxi in hellelfenbein. Ein Blickfang für das Foto aber vielleicht nicht ganz Museums-gerecht (Bild 7). über das Museum zu schreiben ist hier schon vom Umfang nicht möglich. Wer es noch nicht gesehen hat: hinfahren! (Bilder 8,9,10,11)

Um 18:00 h macht das Museum dicht und man tut was sein muß: unser Busfahrer hatte ein Hotel mit der malerischen Adresse "am Friedhof" herausgesucht. Es erwies sich ganz im Gegenteil als sehr gut und preiswert im Norden des Hauptbahnhofes mit malerischer Aussicht auf die hell erleuchteten Baukräne (Bild 12). Man könnte meinen, die Milliarden gehen für Beleuchtung drauf. Das Abendessen haben wir in der Gaststätte "Apostel" eingenommen. Typische schwäbische Küche. Wer meint das seien nur Spätzle, Rostbraten und Kohlehydrate liegt meilenweit daneben. Gaisburger Marsch, Linsen, Fisch und andere Sachen wurden verspeist. Ich verstehe nur nicht warum sich keiner an die Kutteln gewagt hat... . Und wer in Stuttgart isst: ein Viertele Roter gehört dazu!

Nach angenehmer Nacht ein reichhaltiges Frühstück (Abendessen braucht einen würdigen Nachfolger) und der Samstagmorgen konnte beginnen. Nach dem schweren Programm des Vortages eher zum passiven Genuß: wir nahmen eine freundliche Fremdenführerin in der Nähe des Bahnhofes auf und diese geleitete uns auf den Spuren von Robert Bosch durch Stuttgart.

Als Robert Bosch in das Geschehen eingriff war Stuttgart noch deutlich kleiner als heute. 1886 gründete er seine erste feinmechanische Werkstätte in der heutigen Rotebühlstrasse. Von dort aus mauserte sich Bosch zum größten Arbeitgeber in Stuttgart noch vor Daimler. Daimler strebte eine übernahme von Bosch an, was dieser aber ablehnte. Danach waren beide nicht gut aufeinander zu sprechen und gingen sich zeitlebens aus dem Wege. Wir besichtigten die Gebäude auf dem ehemaligen Bosch-Gelände im Stile der Gründerzeit von außen. Dahinter ist ein überdachter Bereich entstanden zum Bummeln und Relaxen mit Pubs, Kneipen und Bioläden (Bilder 13,14).

Bosch selbst hat seinen Wohnsitz um 1910 auf die Hügel von Stuttgart in die Gänsheide verlegt. Das Gebäude ist heute Sitz der Robert-Bosch-Stiftung, welcher die GmbH letztendlich gehört. Das Anwesen ist normalerweise nicht zugänglich aber wir hatten Glück und konnten wegen Gartenarbeiten kurz in den Park schauen (Bilder 15,16). Dort ist Robert Bosch 1942 gestorben. Das Anwesen blieb von Kriegsschäden verschont.

Als Nächstes statteten wir dem Meilenwerk in Böblingen einen Besuch ab. Auch darüber will ich nicht zu viel schreiben. Seht Euch die Bilder an. Wenn man wie wir aus der Provinz kommt ist man von den vielen PS und Zylindern etwas überfahren. Z.B. hatte ich bis dahin noch keinen SLR 9,3 gesehen. 6,3 ja aber 9,3? Da es inzwischen schneite und draußen elend kalt war (sogar in Stuttgart!) kamen viele Besucher. Die Preise sind z.T. deftig, für Youngtimer noch etwas günstiger als von Mercedes Young Classics, aber trotzdem. Die Gebäude sind schön, möglicherweise überrestauriert. Und weil Stuttgart eine zahlungskräftige Klientel hat und das alles nicht reicht wird daneben noch erweitert mit der PR-Kultur, die im Rohbau schon steht. Womit der alte Flughafen fast vollständig zugebaut ist (Bilder 17,18,19).

Als letzten Programmpunkt hatten wir dem Artikel in der Motor-Klassik ein eher wenig bekanntes Museum entnommen: das Gottlob-Auwärter-Omnibus-Museum in Stuttgart-Vaihingen. Die Enkelin des Firmengründers Frau Auwärter-Brodbeck führte uns persönlich durch dieses Kleinod. Es zeigt die Gründerjahre bis hin zur Abgabe des Familienbetriebes im Jahre 2001. Frau Auwärter-Brodbeck hat wie die meisten Familienmitglieder im Betrieb gearbeitet und schilderte lebendig aus erster Hand. Gottlob Auwärter junior stammte aus einer Wagnerwerkstatt, die er mit seinen 3 Brüdern teilen musste. Da diese zu eng geworden war schickte ihn sein Vater in das Karosseriewerk Reutter nach Stuttgart. Durch die Inflation um 1925 verlor er seine Stelle und mußte wieder im elterlichen Betrieb arbeiten. In der Wirtschaftskrise stelle er mit seinen Brüdern auf der Basis von gebrauchten LKW-Gestellen Pritschen und erste Busse meist aus Holz und Leinwand her. Dieser Geschäftszweig wächst danach rapide so dass die Werkstätten erweitert wurden. Da gleichzeitig landwirtschaftliche Geräte gefertigt wurden waren die Betriebsstätten bald wieder zu klein und die Brüder teilten die Geschäftsfelder untereinander auf. Gottlob Auwärter wagte mit Aufbauten den Schritt in die Selbstständigkeit.

Als kriegswichtiger Betrieb eingestuft musste Gottlob Auwärter nicht an die Front aber der Betrieb muß 1942 schließen und Gottlob Auwärter reparierte Flugzeug-Tragflächen. 1945 begann der Weg in die Selbstständigkeit erneut wiederum auf der Basis von LKW-Fahrgestellen. Holzaufbauten wurden durch Leichtmetallaufbauten ersetzt, der Tourismus setzte allmählich ein. 1953 erstellte Auwärter die erste selbsttragende Omnibus-Karosserie, den "Neoplan".

Der älteste Sohn Albrecht Auwärter studierte in Hamburg Fahrzeugtechnik. Er entwickelte mit einem Freund den Typ Hamburg, der als typischer Auwärter-Neoplan im Gedächtnis ist. Das erste Fahrzeug steht in dem kleinen Museum wo es nach seiner aktiven Kundenzeit zurückgekehrt ist (Bild 20). Dieser Typ Hamburg entstand gegen den Willen des Vaters und überzeugte durch sein Design und den Erfolg letztlich doch. Durch Niederflurtechnik und Doppelstock baute Auwärter unter der Führung des Sohnes Albrecht sein Geschäft rapide aus. Werke in Berlin, Pilsting, Kenia, USA entstanden. Das Werk Möhringen wuchs kräftig. Ein weiteres Standbein wurde in Form der Flughafen-Vorfeldbusse aufgenommen, das heute noch Bestand hat. GFK hielt Einzug im Bus. Prototypen in CFK wurden gebaut aber nicht in die Serie verkauft. Sonderfahrzeuge mit mehr Kapazität oder für den Markt in Entwicklungsländern hergestellt. 1994 starb der Firmenchef Albrecht Auwärter unerwartet so dass die nachfolgende Generation das Geschäft in dem sich verändernden Markt nicht mehr halten konnte. MAN als Lieferant der Antriebe war nicht an einer Kooperation sondern an einer übernahme interessiert, so dass die Familie das Geschäft 2001 verkaufen musste. Nach Verlagerung der Fertigung durch MAN z.B. nach Plauen wurden die Hallen 2007 geschlossen und abgerissen. Nur noch wenig erinnert in Möhringen an ein großes Omnibuswerk.

Inzwischen schneite es heftiger und wir waren froh mit dem Bus und nicht mit Privatfahrzeugen gekommen zu sein. Unser Fahrer brachte uns sicher am Samstag Abend nach Hause nicht ohne einen Abstecher nach Ulm gemacht zu haben. Denn einer seiner Busse hatte am Vortag eine kleine Rempelei mit einem Pfosten gehabt, so dass er Scheinwerferglas + Blinker in Ulm bei Evobus mitnehmen konnte.

Eine mit Informationen vollgepfropfte Reise war zuende. Danke an die Mitreisenden, danke an den W 123-Club für die Unterstützung!

Euer
Dr.-Ing. Manfred Rudlof 28.03.2013

(leider wurden die Bilder nicht mit gemailt)

Fotos Bustour Stuttgart März 2013




 
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